Gedanken zur Produktion "a la inmensa minoria"

Inhalt /Musikbeispiele
Produktionsmethoden
Notation

Die Cd - Produktion "a la inmensa minoria" hat sich auf die Jahre 2005/2006 verteilt. Etwas verwirrt durch die viele Beschäftigung mit gegenwärtiger Musik - vor allem im letzten Jahr in der IEMA und im Ensemble Modern - habe ich für dieses Album nun doch eine Richtung einschlagen können, von deren Ästhetik und - so aufdringlich und unangebracht es in diesen modernen Gefilden auch klingen mag - Schönheit ich überzeugt bin. Dabei spreche ich tatsächlich von der Studioproduktion, die bei mir inzwischen einen ganz eigenen künstlerischen Stellenwert eingenommen hat. Wie und warum sich die Musik von Continuum verändert hat, kann ich nicht genau sagen. Immerhin habe ich vor drei Jahren noch mit großem Einsatz an einer ernsthaften Weiterentwicklung des Tango Nuevo gearbeitet und war mir sicher, dass diese Richtung so fest in mir verankert ist, um darin Erfüllung und einen Sinn zu finden.

Dieser Meinung bin ich immer noch. Aber es ist auch unsere Aufgabe als Musiker, sich regelmäßig von der "Hörmusik" - der Musik für's Herz, die unsere Seele ölt - in der Art zu distanzieren, dass man sich - sollte man nun Komponist sein - in einer Situation wiederfindet , in der man über Musik nachdenkt. In dieser Situation schreibt man das, was die meisten Menschen Neue Musik nennen. Dass das Schöne auch hier entsteht, will ich nicht bestreiten. Sollte man ein glücklicher Komponist sein, könnten die Konstrukte, die man am Schreibtisch aufs Papier bringt auch eine Eigendynamik, oft eine Kraft, von der man beim Prozess des Komponierens noch gar nichts weiß, entwickeln... Warum hat wohl Gustav Mahler bei der Uraufführung seiner Sechsten bitterlich geweint?

Im Programm für "a la inmensa minoria", das sich altmodischerweise mit der romantischen Poesie des spanischen Dichters und Philosophen Juan Ramón Jiménez beschäftigt, spürt man wohl immer noch dieselben Bedürfnisse, dieselbe Wärme, wie in den vorhergehenden Alben. Ich bin diesmal aber rigoroser vorgegangen, was die Komprimierung der musikalischen Aussage betrifft. Es soll nichts Überflüssiges mehr geben, Wiederholungen werden entweder weggelassen, oder zum Hauptobjekt der Komposition erhoben.
Wichtig ist auch der Einsatz der Elektronik, mal als gespieltes Instrument, mal als Aufgabe des Klangregisseurs, die live erzeugten Klänge im Sinne der Partitur zu transformieren, mal als speziell mikrofoniertes Geräusch.

Die Produktion von Musik auf einem toten Medium, wie einer Cd darf meiner Meinung nach nicht dem Live - Erlebnis nacheifern. Man muss die Unterschiede beider Hörerlebnisse definieren, um die Vorteile des Studios gezielt nutzen zu können, ohne dabei in Spielereien und nichtssagende Effekthascherei abzudriften. Beim Hören einer Cd kann ich nichts sehen, ich kann keine Bewegungen, keine Kommunikation auf der Bühne mitverfolgen. Ich habe nur das Hörerlebnis. Nun versuche ich nicht, das alles durch die Musikproduktion und Nachbearbeitung zu kaschieren oder zu ersetzen. Im Studio entfernt man sich von dieser Live - Ästhetik.
Man spielt zwar zusammen, macht Musik und führt so intensiv und musikgerecht wie möglich aus. Nur hat man die Möglichkeit, die Ohren des Hörers an Orte zu führen, die zu erforschen ihnen sonst nicht möglich ist.
So hat man das Ohr mal am Cello angelegt, kann die enormen Vibrationen des Basses förmlich spüren oder die Metallzungen des Akkordeons aus 10 cm Entfernung schwingen hören. Dies sind alles Dinge, die in der akustischen Livemusik nicht möglich, und deshalb auch nicht wichtig sind. Wir haben also zwei verschiedene Arten, ein und das selbe Stück hörbar zu machen.

Ein anderes Grundprinzip der jetzigen Aufnahmen von Continuum ist die extrem saubere Vorgehensweise bei der Klangabnahme, nicht nur im Sinne einer speziellen Mikrofonierung, sondern auch im Sinne der von Übersprechern völlig freien Einzelspuren, die durch eine zeitgleiche, aber räumlich getrennte Einspielung ausschließlich das mikrofonierte Instrument beinhalten und nicht die Mitspieler im Hintergrund. Dies ermöglicht eine Suche nach Räumen, nach Raumwechseln, da die getrennte Einspielung in - verglichen mit normalen, klassischen Aufnahmeräumen - sehr kleinen, akustisch trockenen Räumen quasi "hall" - oder "raumloses" Rohmaterial mit sich bringt. Mit "trockenen" Spuren lässt sich nun eine Kulisse aufbauen. Man hat die Möglichkeit, die verschiedenen Instrumente mittels Computerprogrammen oder - noch viel besser - älteren, analogen Hallgeräten in eigene Räum zu stellen, oder völlig trocken zu lassen, was auch wieder eine Besonderheit darstellt.

Hier steht man mit einem Fuß in der Popmusik, denn in den Produktionen der U-Musik ist es seit den späten Beatles üblich, bei der Einspielung auf sauberstes Material und Raumtrennung zu achten, sowie mit Räumen, Klängen und Mikrofonierung künstlerisch zu arbeiten und eine eigene, künstliche, aber - und schon wieder - schöne Klanglandschaft zu erzeugen.
Warum nicht? Die Möglichkeiten sind da und sie sind unerschöpflich. Man findet sich also wieder in der Situation, dass man seine eigene Klanglandschaft finden muss. Damit bin ich wieder Komponist.
Natürlich wird es auch Live - Mitschnitte geben, die allerdings ebenfalls nach oben beschriebenen Prinzipien organisiert und optimiert wurden.

Wie sieht nun das Klangbild von "a la inmensa minoria" aus? Nun, es ist dick und warm, manchmal recht spröde, selten hässlich und immer greifbar. Damit meine ich, dass man sich nicht als Beobachter aus der Ferne, sondern als jemand mittendrin fühlt. Es existiert auch die Idee, einen Surround - Mix der Cd als DVD Audio zu gestalten.


Möglicher Inhalt:

  • a la inmensa minoria - Cello, Akkordeon, Bass, Klavier, Percussion, Klarinette, Fernseher, Elektronik (2006) 11'
    Ausschnitt a la inmensa minoria mp3

  • Dialogue - Violoncello, Zuspielband und Live - Elektronik (Live - Mitschnitt April 2006) 10'

  • Bending Corners - Streichquartett, Bassklarinette und rotierender Lautsprecher (Live Mitschnitt August 2006) 18'
    Ausschnitt_Bending_Corners mp3

    Moguer - Cello, Akkordeon, Bass, Elektronik (2005) 15'
    Ausschnitt Moguer mp3

  • ?Nadie? - 2 Celli, Akkordeon, Bass, Zuspielband (2006) 15'
    1. Ausschnitt Nadie mp3
    2. Ausschnitt Nadie mp3

  • aguacil - Cello, Akkordeon, Bass, E-Bass (Fretless), Klavier, Juno 60 (Synth.), Sopransaxophon, Elektronik (2006) 90'

  • almendra - Nonettfassung (Live - Mitschnitt November 2006) 10'



    Beispiele der Notation und Organisation
    Natürlich sucht man nach der dem Stück zuträglichsten Notation, die mehrere Auflagen erfüllen soll: Für den (erfahrenen) Spieler muss auf den ersten Blick verständlich sein, worauf in der Ausführung Wert gelegt wird, natürlich auch umgekehrt. Das musikalische Prinzip muss aus der Zeichensprache, sei sie nun konventionell oder nicht, ersichtlich sein. Eventuelle interpretatorische Fragen sollten so weit wie möglich mithilfe des Notenbildes oder der Legende geklärt werden können. Im Folgenden möchte ich drei Beispiele aus meinem Stück "Bending Corners" anführen. Die ungewöhnliche Notation hat uns bei der Ausführung neben einigen Fragestellungen auch in eine unbekannte, aber interessante Spielsituation versetzt.

    Notation und Organisation von "Bending Corners"

    (UA 8. August 2006 im Haus der deutschen Ensemble Akademie Frankfurt, Anna Faber, Aya Muraky: Violinen, William Lane: Viola, Wolfgang Zamastil: Violoncello, Rafael Caldenty: Bassklarinette, Felix Dreher: Klangregie, Manuel Nawri: Leitung)


    Zwischen Viola und Violine 1 wird der rotierende Lautsprecher positioniert, um den vier Mikrofone aufgestellt sind. Das rotierende Horn des Lautsprechers bewegt sich also von einem Mikrofon zum nächsten, im Kreis. Diese Mikrofone werden über das Mischpult (T) auf die vier Lautsprecher verteilt, die das Publikum umrunden (Kreis). Die Rotation des Lautsprechers wird also vergrößert und auf den Zuhörerraum ausgebreitet.

    Die Rotation findet sich auch in der Notation wieder. Die Biegungen der Zeilen stehen im proportionalem Verhältnis zum Tempo. Dies bedeutet, dass die Partitur von links nachrechts "gescannt" wird, die Schläge des Dirigenten (1cm = 2 Sekunden) sind jeweils am oberen Rand der jeweiligen Zeile als Punkte oder Striche zwischendrin eingezeichnet. Wenn der Spieler also in einem Zentimenter (der Horizontalen) eine stark ansteigende Kurve hat, so muß er um einiges schneller spielen, als ein anderer Spieler, dessen Stimme gerade horizontal verläuft. So gibt es grundsätzlich immer fünf verschiedene Tempi, die sich am Schlag des Dirigenten orientieren.

    Für die "Kartoffelinseln" gibt es die Regel, dass derjenige, der auf eine solche Insel stößt, die letzten drei Noten, die er davor gespielt hat unentwegt wiederholt (einfriert, hängenbleibt, wie eine Schallplatte), bis der Dirigent ihn weiterläßt. Dies sorgt in der Musik für ein sehr statisches Element, das kontrastierend zum rotierenden wirken soll. Ähnlich verhällt es sich bei Zeilenüberkreuzungen, hierbei müssen die Musiker einfach aufhören zu spielen, bis der Dirigent ihnen das Zeihen zum Weiterspielen gibt. Der Dirigent komponiert also das Stück mit. In dem Moment, wo er über Weiterspielen und "Hängenlassen" entscheidet, setzt er selbst das Stück neu zusammen.
    Ausschnitt_Bending_Corners mp3



Links die rechte Spalte der zweiten Seite aus dem Stück "die liebende" für Violine Solo , in dem der Interpret dazu angehalten wird, mindestens alle vier Takte sein Spielgefühl komplett zu verändern, zu erneuern, und zwar für den Zuhörer absolut bemerkbar.
Dadurch bekommt das Stück eine natürlich - theatralische Komponente, die bei relativ gleichbleibendem Tonmaterial in richtige Schauspielerei übergeht: Im letzten Teil des Stückes ist das gleichnamige Rilke - Gedicht in der Art eingebunden, dass der Interpret Teile daraus vor sich hin murmelt, während Geige und Bogen sorgfältig auf er Bühne eingepackt werden.



Das Prinzip der plötzlichen, unorhergesehenen Änderung des Spielgefühls ist auch im neuesten Stück aguacil (Cello, Akkordeon, Bass, E-Bass [Fretless], Klavier, Juno 60, Sopransaxophon, Elektronik) eines der wichtigsten Elemente. Die hohe Anzahl der Spieler und die enorme Länge des Stückes versprechen interessante Kombinationen. Man hat Zeit, verschiedene Formen der Kommunikation durchzuspielen, stößt auf psychologische Rätsel, löst sie (oder auch nicht), improvisiert teilweise, spielt sich zu, spielt zusammen oder grenzt sich von den anderen ab, um für zwanzig Minuten oder länger seinen eigenen Weg zu gehen. All dies ist Teil des Stückes.











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